Kapitel 4: Ein neues Leben nimmt Formen an

4. Ein neues Leben nimmt Formen an


Mein erstes Häuschen war gefunden. Meerblick. Immer Strom und Wasser. Alles bestens. Anfangs. Die Arbeit machte ebenfalls Fortschritte. Es ging voran. Mehr Einnahmen (aber immer noch fern von Kostendeckung). Da ich ja mit abgezähltem Geld herkam und wusste, dass ich nur durch Arbeit mir hier etwas aufbauen konnte legte ich mich in Zeug. Abends ausgehen war kein Problem, denn der Arbeitstag begann nie vor 9.30 Uhr. Gemütlich ging man frühstücken. Zu Mittag ging ich zu kleinen Restaurants welche dominikanische Tagesgerichte anboten. Damals noch für 35 RDS zu haben. Aber der Kurs war auch damals anders (1 Euro = 16 RDS). Also doch recht teuer. Reis mit Bohnentunke und Huhn. Und nie werde ich folgende Begebenheit vergessen. Ich saß mal wieder in einer kleinen Bar. Orderte das übliche Gericht (Reis, Bohnen und Hühnchen + Salat). Der Salat kam. Immer gleich. Ein Blatt grüner Salat, ein Stückchen Tomate (natürlich grün
und unreif), etwas Krautsalatschnipsel. Alles in Essig gebadet. Na ja, andere Länder = andere Sitten. Kein Grund zu meckern. Im Gegenteil, in Deutschland machte ich mir auch nichts aus Kartoffeln. Reis war meine Hauptbeilage. Und Huhn? Na prima! (Nach fast einem Jahrzehnt Hühnchen kann ich wohl bald selber nach D fliegen, brauch da keinen Airbus.) Jedenfalls kam bald der Teller mit Reis. Schön angerichtet. Der Reis war wohl vorher in einer kleinen Schale und nun dekorativ auf meinem Teller angerichtet. Eine kleine Halbkugel Reis. Nada mas. Gut, der Salat war schon verdaut, die Cola leer. Der Reis vor mir. Man übt sich in Gelassenheit. Andere Länder…. Aber das sagte ich ja schon. Nur die Ruhe. Du bist hier in der DR, nicht in Deutschland. Keine Hektik! Das Huhn wird wohl bald einfliegen. Ich hatte einen interessanten Gesprächspartner neben mir und so klönten wir. Wenn man einem Touristen hier erzählt dass man hier lebt, dann finden die es immer interessant. Und erzählen von ihren Träumen, dass auch sie weg wollen aus Deutschland. Ich frage mich immer nur: wenn so viele weg wollen und meckern – warum in aller Welt machen sie es nicht? Nach gut 20 min kam die Bedienung. Ich war damals noch sehr ruhig und ausgeglichen. Schwebte auf Wolke 7 und bestellte ein Bier. Darauf dann ihre Gegenfrage: möchten sie denn nicht essen? Ich blickte sie verdutzt an. Ja klar, darum bin ich doch hier. Salat hab ich aufgegessen. Ganz brav. Schüsselchen ist leer (bis auf die saure Tunke). Mein Getränk ist geleert. Der Reis ist schon da, aber wann bitte kommt das Huhn? Oder diese frittierten Teile vom Hühnchen? Und dann die Erklärung: Das Huhn befindet sich im Reis. Ungläubig starrte ich meinen Reisklecks an. Da ist Huhn drin? Mit der Gabel ging ich auf die Suche. Und tatsächlich: da waren doch tatsächlich 2 Futzelchen Hühnerfleisch (inkl Knochen) im Reis versteckt worden. Na Klasse.


(Bedienung: Wie fanden sie das Huhn? Gast: Zufällig unter einem Reiskorn!) Eigentlich ein Witz, aber hier wurde der wahr. Na gut. Demnächst woanders essen. Das ist dann doch zuwenig für das Geld. Das Essen hier wurde im Laufe der Jahre für mich mehr und mehr eine Zumutung. Doch dies werden später Einzelthemen.

Die Arbeit nahm ich sehr ernst. Fahrten nach Puerto Plata. Nach Cabarete. Alles mit eigenem PKW. Auf eigene Kosten. Doch wie gesagt, ich bin Deutscher. Wenn ich was mache, dann auch richtig. Mein Chef nahm mich dafür für weniger voll. Der muss wohl gedacht haben: was für ein Verrückter. Der macht sogar Sachen die er nicht machen muss. Bei mir hingegen war es Dankbarkeit. Zum einen gab es was zu tun, zum anderen baute ich ja kräftig an meinem neuen Leben. Brauchte ein Ziel. Eine neue Zukunft. Nach drei Monaten allerdings hielt ich es für angebracht, mal klärende Worte mit dem Chef zu führen. Ermutigt wurde ich durch die Tatsache, dass mein Auftreten das Wohlwollen eines anderen Mannes gefunden hatte. Der mir ein Angebot gemacht hatte und mich abwerben wollte. Doch ich bin fair. Also erstmal reden mit Chefe Nr. 1. Das mein Aufgabengebiet von mir mehr als erfüllt wird, ich ihm eigentlich sein Projekt erst ermögliche und er ohne mich sein „Ding“ vergessen kann. Weiterhin arbeite ich im Vertrieb, nicht nur im Verkauf. Dass ich ab sofort auch für den Vertrieb eine Entlohnung erwarte, eine Beteiligung an den Kosten. Die Antwort fiel enttäuschend aus. Wenn sein Mitarbeiter dann mehr verdienen würde als er, dann mache er was falsch. Keinesfalls werde er mir irgendwelche Kosten erstatten. Oder mehr zahlen. Außerdem sind Verkauf und Vertrieb das Gleiche. Es gehöre durchaus zu meinem Aufgabengebiet. Ich versuchte noch eine Klärung herbeizuführen. Wenn ich im Verkauf bin, dann kann ich keinen Vertrieb machen. Mache ich Vertrieb, dann verdiene ich nichts in meinem Gebiet Verkauf. Kopfschütteln seinerseits. Kündigung meinerseits. Hatte ja schon einen neuen Job in der Tasche.
Natürlich hatte ich alle Daten bezüglich Vertrieb bei mir im PC. Mein Chef wollte
unbedingt diese Daten. Wenn ich sie nicht aushändige, dann ließe er mich umgehend einsperren. Er würde einfach behaupten, dass ich Geld unterschlagen habe. Wäre ja ganz einfach, denn ich hätte nie eine Quittung von ihm bekommen wenn ich die Einnahmen abgab. Aha. So lief das also hier. Ich kann nur JEDEN warnen! In punkto Geld: Immer Quittung geben lassen. Aufheben! Sonst kann man später trotz Ehrlichkeit im Bau sitzen. Unsere Vereinbarung war eigentlich einfach: Ich verkaufe, behalte 20% ein als Provision. Und da diese Einnahmen deutlich unter einer zu versteuernden Mindestquote lagen habe ich immer alles cash abgewickelt. 1000 RDS eingenommen = 800 RDS für den Boss, 200 blieben bei mir.
Nun hatte ich aber nichts in der Hand. Wenn er nun behauptete die Kunden zahlten an mich (was die auch ganz klar bestätigen würden da es der Wahrheit entsprach) aber ich nie an ihn gezahlt hätte, dann würde ich bald im grünen Häuschen (Polizeigebäude hatten damals eine Einheitsfarbe: grün) sitzen. Also gab ich sämtliche Vertriebsstellen preis. Man will ja keinen Ärger. Mein Karibiktraum bekam den ersten Riss. Da arbeitet man mit einem Deutschen zusammen, bemüht sich – und wird mit Gefängnis bedroht. Was für eine verrückte Welt. Nun, die Arbeit wurde an anderem Ort fortgesetzt. Wenig erfolgreich, die Idee floppte. Mittlerweile lernte man aber viele Leute kennen. Und heute weiß ich: wenn ich noch mal anfangen könnte, ich würde mich an Amerikaner halten, an Kanadier. An Deutsche nur mit äußerster Vorsicht. Ich bekam eine Stellung in einem Hotel. Angenehme Arbeit. Freie Kost. Erfolgreich. Ich verdiene gutes Geld, es reicht fast zum Lebensunterhalt.


Es hatten sich die Kosten erhöht. Das erste Haus hatte ich verlassen, nach 4 Monaten. Eigenbedarf des Besitzers. Und es war gut so. Denn als ich meine ganzen Güter mal wieder einpackte, da entdeckte ich die Tücke des schönen Wohnens am Meer. Meine ganze Bettwäsche hatte Stockflecken, der muffige Geruch im Wohnzimmer klärte sich auch auf. Die Rückwände der Ledergarnitur waren schimmlig geworden. Im 2ten Schlafzimmer (nur als Lager benutzt) hatten alle Lederartikel (Reisetasche, Fototasche, Schuhe, Gürtel) alle einen weißen Belag bekommen. Ja, die hohe Luftfeuchtigkeit ist nicht gut. Wer länger an der Küste wohnt, der berichtet hier auch von häufigen Defekten an Elektrogeräten. Denn zur Feuchtigkeit kommt der hohe Salzgehalt, Salz frisst. Das nächste Haus war ein Traum. 240m² Wohnfläche. 2000m² Garten, aber insgesamt 9000m² Grund und Boden. Ich wohnte hoch oben auf einem Berg. Traumhaft. Die Palmen im Garten bunt beleuchtet. Ein beleuchteter Pool, darin nachts zu baden und den Panoramablick zu genießen, es war wunderbar. Man benötigte mit dem Auto (und 4x4 war bei Regen Pflicht!) rund 20 Minuten von Sosua aus.


Nachtleben ade. Die ersten Monate waren wild. Man hatte sich eigentlich genug amüsiert und den Nachholbedarf gestillt. Jetzt war ich ja fast wieder da wo ich in Deutschland aufgehört hatte. Ein riesiges Haus, aber es war sehr günstig zu mieten gewesen! Der Eigentümer musste beruflich bedingt schnell auf Abruf in Sosua sein (so die Erklärung der Besitzer). Die Anfahrt sei daher nicht mehr zumutbar. Man habe ja noch ein Haus in Sosua… Na ja. Für mich kam es gerade richtig. Essen und Trinken im Hotel. Unterhaltung mit Leuten gab es dort genug, so genoss ich dann abends meine Ruhe auf dem Berg. Angst? Warum denn? Alles vergittert. Nur 800 m weiter ein anderer Nachbar. Mit Hunden. Und so war jeder Abend ein Traum. Sternenklarer Himmel, Ruhe nur von Grillen und Fröschen unterbrochen. Strom war nicht immer vorhanden, das Notstromaggregat hatte schwache Batterien. Aber damals waren Stromausfälle nicht so häufig dort. Und mal 3-4 Stunden Kerzenlicht sind doch ganz romantisch. Und wenn man im Haus 4 Toiletten hat, dann kann man auch 4 x zum Klo und spülen. Auch wenn gerade kein Wasser nachläuft. Abgesehen davon gewöhnt man sich hier schnell an, sich diesen Umständen anzupassen.
Wer keinen Tinaco (Wasservorratsbehälter auf dem Dach) hat, der stellt sich immer ein bis zwei Eimer Wasser in die Dusche. Ist doch alles gar nicht so schlimm. Es gibt Lösungen, keine Probleme. Und ohne Strom kein TV? Ach, ich wohnte doch im Paradies. Da oben auf dem Berg, da gab es weder TV noch Telefon. Man hatte seine Ruhe. Und diese ganzen Umstände hatten noch einen anderen Effekt. Die Nachbarn waren sehr nette Leute. Nur 2km weiter wohnte ein anderes Ehepaar. Zusammen traf man sich auf der Terrasse zu Spielabenden. Romme, Canasta oder Dart. Bierchen trinken und über das Leben philosophieren. Grillen. Der Nachbar hatte so wie ich dem deutschen Lande den Rücken gekehrt. Nur er musste nicht mehr arbeiten. Er hatte Geld genug um in Ruhe zu leben. Kleine Geschäfte oder Tätigkeiten ja, aber nur zum Zeitvertreib.


Jetzt war es geschafft. In nur einem halben Jahr hatte ich meinen 3. Job, meine 3te Behausung. Ein Leben in der Karibik kann so schön sein. Nette Nachbarn als Dreingabe. Das hat man nicht mal in Deutschland. Zeit, mal allen alten Bekannten eine Postkarte zu schicken.
Es gibt ja so schöne bunte Karten. Die sollen ruhig blass werden vor Neid wenn sie sehen wo man wohnt. (Tja, so naiv kann man sein. Damals glaubte ich doch auch tatsächlich noch, die dominikanische Post würde zumindest Post versenden – wenn sie schon keine Zustellung haben!) Nur kurz wurde meine Idylle getrübt. Die Hotelleitung wünschte mich umzusetzen. Punta Cana sei mein neues Einsatzgebiet. Dort könnte ich deutlich mehr verdienen. Deutlich schöner Leben. Man machte mir ein Angebot wo man nicht Nein sagen konnte. Ich solle mal nach Punta Cana gehen und man würde mir dort ein großes Apartment zahlen für einen Monat.

 

Weiterlesen...zum Kapitel 5