







Voller Zuversicht sitzt man im Flieger. Abschied von Freunden und Familie. Alle waren sie besorgt. Wie kann man nur in einem 3.Welt – Land leben wollen? Ohne Arbeit zu haben? Ohne dort jemanden zu kennen? Die vielen Hurrikans! Die Armut! Was gab es nicht alles für Einwände. Ach, diese Unwissenden. Ich habe mich doch vorbereitet. War ich nicht 2x hier und habe mich umgesehen? Habe ich nicht die Schönheit der Insel gesehen? Mehr noch: zufriedene Menschen. Von ausgelassener Lebensfreude bis hin zu total entspanntem Leben?
Außerdem: Ich beginne doch ein Leben neu, für mich. Ich bin keiner dieser geblendeten Geilhuber, die das Land wegen der schönen Mädchen besuchen. Oder gar wegen dieser Frauen hier leben und sich diesen Wesen wie verzaubert ergeben. Nein, nicht wegen Frauen oder anderer niederer Beweggründe kam ich her. (kl. Anmerkung: heute weiß ich > Frauen geht es genauso. Wegen Ihrem Latinolover lassen sie in Deutschland alles stehen und liegen, bis hin zum Ehemann.) Ich wollte endlich leben. Frei und ungezwungen, ohne Hektik, ohne Stress. Wie konnte ich nur so lange in Deutschland mich in diesen Tretmühlen bewegt haben? Nein, der Schritt war richtig. Ich habe ein neues Leben zu beginnen. Du bist informiert, Du hast ein Apartment, der Container mit den Sachen wird schon bald folgen und dann kannst Du Dir ein Haus suchen in aller Ruhe und Dich niederlassen. Wie gut, dass Du nicht verheiratet bist, keine Kinder hast. Du bist nur für Dich allein verantwortlich und Du wirst es schaffen.
War mein Hinflug schon ein Hinweis auf die vielen Pleiten Pech und Pannen die nun folgen sollten? Über den Azoren ereilte uns ein Schreck. Ein Signalton drang durchs Flugzeug, gefolgt von einer Ansage: Druckabfall in der Kabine – setzen sie die Atemmasken auf. Diese vielen zeitgleich von oben herab. Es war schlagartig still im Flugzeug. Man kann dieses Gefühl nicht beschreiben, was einem in Sekunden durch den Kopf schießt. Und dann die erlösende Ansage: Es handelte sich um eine kleine technische Panne, man werde auf den Azoren landen und die Sache beheben. Dies bedeutete für uns alle: aussteigen und auf dem kleinen Flughafengelände dort ausharren. Es dauerte mehr als 2 Stunden bis alle Masken aufgerollt wieder im Fach über den Sitzen waren und wir einsteigen durften. Doch mein Bekannter, der mich am Flughafen abholte war Gott sei Dank so schlau gewesen sich vorher zu erkundigen über unsere Ankunftszeit. So war er im Bilde dass der Flug sich insgesamt um fasst 3 Stunden verspätet hatte. Mit 7 Gepäckstücken enterte ich sein Auto und los ging es. Ich war voller Freude. Das Apartment hatte ich im Voraus bezahlt, die Administration hatte mir versprochen es wird noch renoviert und gestrichen. Und schon erlebte ich eine weitere Panne in meinem neuen Leben. Der Verwalter war eher negativ überrascht als er mich sah. So, als habe er mich nie erwartet. Ohhhh, tja…hmh. Also Ihr Apartment ist leider bewohnt, aber wir geben ihnen natürlich ein anderes – no problema. Schön, ich hatte mir damals ein bestimmtes Apartment ausgesucht. Es lag sehr nahe der Stelle, wo der Wachmann saß (das gab mir ein gewisses Gefühl von Sicherheit). Es lag an der Ecke des Gebäudes und verfügte über einen großen Balkon, mit Meerblick! Nun bekam ich ein Objekt in der 3. Etage, endlose Stufen steigen, voll beladen. Direkt unter dem Balkon die Terrasse vom kleinen Restaurantbetrieb der sich in der Anlage befand. Na ja, was soll´s. Du bist da, jetzt erstmal schlafen und morgen regeln wir das mit dem Apartment.
Es dauerte drei Tage. Dann endlich war meine Wohnung frei. Täglich 2-3 Anfragen haben den Verwalter genervt. Und natürlich war sie nicht renoviert worden. Es dauerte 2 Tage um sie gründlich zu reinigen. Schimmel und Dreck in jeder Ecke. Na ja, ist eben nicht Deutschland. Aber vom holländischen Verwalter hatte ich auch mehr erwartet. Aber was können dieses schöne Land und diese frohen Menschen dafür, wenn ein Europäer Fehler macht? Auf, ins neue Leben!
Es dauerte nur 3 Tage, die erste Tätigkeit war gefunden. Ein Deutscher war der Arbeitgeber. Eine angenehme Arbeit, freie Zeiteinteilung. Natürlich war das Einkommen nur ein Almosen. Doch ich musste ja nicht von dem Geld leben. Ich hatte ja mein Taschengeld. Und bald ist der Hausrat da, also muss man auch nicht viel kaufen. Die üblichen Dinge die man benötigte (Befüllung der Gasflasche, Kauf von Kleiderbügeln und Kochtöpfen etc.) waren fast ein Erlebnis. Man geht durch enge Gänge im Supermarkt. Irgendwie alles wenig übersichtlich, unlogisch im Aufbau. Und was heißt Dosenmilch auf Spanisch? Ungewohnte Produkte in ungewohnter Anordnung. Einkaufen wurde richtig spannend. Man entdeckte lauter neue Dinge. Und kaufte natürlich. Wenn man in einem neuen Land ist, dann muss man sich anpassen. Es gibt eben kein Pflaumenmus mehr, aber dafür Mango-Marmelade.
Es war einfach wunderbar. Man atmete frische Luft, morgens küssten einen die Sonnenstrahlen wach. Man saß am Pool und studierte die Bedienungsanleitung dieses kleinen Taschen-Translators. (Und weil der so kompliziert zu handhaben war habe ich ihn auch nie gebraucht.) Eine dieser herrlichen Zigarren paffend liegt man da am Pool, blickt durch Palmenwedel in den Himmel. Ist das ein Leben! Und in Deutschland frieren sie sich gerade den Hintern ab. Eisregen war im DW-TV gemeldet. Tja, selber Schuld. Wer´s so mag. Ich erfreue mich an blühenden Hibiskushecken in ungewohntem Ausmaß. Jeden Tag lernt man neue Leute kennen. Vornehmlich natürlich Deutsche, denn mit Dominikanern kann ich mich nur unterhalten wenn sie auch englisch sprechen können. Doch sie sind sehr nett. Erklären einem die Begriffe und so kann man zumindest die regelmäßigen Dinge beim Einkauf bald in Landessprache bestellen. Ich will auch nicht verheimlichen, dass diese ganze Freiheit die auf einen förmlich hereinbricht, genossen wurde. Abends ab in die Disco. Dort hatte ich einen Deutschen kennen gelernt der dort arbeitete und mir viele Hinweise gab. Die Damen, die wie Schmetterlinge um einen herumflatterten empfand ich zu diesem Zeitpunkt noch als hübsche exotische Wesen. Eine Kommunikation fand irgendwie statt, doch war sie auch schnell beendet. Wie heißt Du? Woher kommst Du? Hast Du ne Zigarette für mich? Gibst Du mir ein Bier aus? (Dies tat ich anfangs, weil wenn man sich mit jemandem unterhält, soll der auch was zu trinken haben.) Doch dann kam meist schon die alles entscheidende Frage: Vamonos. Ficki Ficki! Porque no??? Tja, nun mach mal jemand einer Prostituierten in Sosua klar, man sei kein Sextourist! Sondern ein neuer Resident der hier leben wolle. So verschwanden die meisten Schmetterlinge. Mit Bier. Und ich ohne Gesprächspartner. Auf dem Nachhauseweg gab es des Öfteren Diskussionen mit den Motoconcho-Fahrern. Für sie war ich ein Tourist. Also verlangten sie immer diese Tarife. Doch schnell hatte ich mir angewöhnt das Fahrgeld passend zu haben. Dann einfach gehen, nicht diskutieren. Denn ein dominikanisches Sprichwort sagt: 50% der Auseinandersetzung gewinnt man mit dem Mund! Vielleicht das der Grund, warum sie gern und besonders lautstark lamentieren? Wir haben mal gelernt: wer schreit hat Unrecht. Es soll nicht der einzige Unterschied zweier Welten sein! Nur hier gilt: Diskutiere nicht mit einem Einheimischen. Es macht keinen Sinn. Heute weiß ich, aufgrund komplett unterschiedlicher Bildung, Kultur und Mentalität: man kommt selten auf einen gemeinsamen Nenner mit Ihnen wenn man unterschiedliche Ausgangspunkte hat.
Mein Container traf ein, die erste große Fahrt nach Sto. Domingo. Der Zollagent ein faszinierender Mann. In seinem Büro fühlte ich mich fast wie in Deutschland. Exklusive Möbel und Accessoires. Sosua hat all dies nicht zu bieten gehabt. Ich kam durch meine Arbeit bedingt in viele Büros. Doch hier fand man nur handgefertigte Tische, schlecht eingepasste Glasplatten. Alles mehr „ländlich“, mehr 3.Welt typisch. Doch auch reizvoll. Das „High –Design“ muss man ja auch wirklich nicht haben. So selbst gezimmerte Möbel haben auch ihren Reiz. Doch hier in Sto. Domingo schlägt ein anderer Takt. Mehr Weltstadt. Zumindest auf den ersten Blick. Der Zollagent fährt mit mir in einem Höllentempo durch die Stadt. Geschickt brettert er durch kleine Siedlungen und umgeht den Stau auf den Hauptverkehrsadern. Kurze Zeit später an der Lagerhalle. Alles da. Aber auch alle Kartons geöffnet. Und vieles Bruch. Ich habe viel Geld bezahlt für meinen Umzug. Auch für meine Gutherzigkeit. Waren doch im Container auch zwei große Kisten mit Medikamenten. Sollten gespendet werde für eine kleine Campo-Klinik. Doch der Zoll sah es anders. Diese Menge sei Handelsware, also zu versteuern. Nur wenn Handelsware, wieso fragt keiner nach meiner Genehmigung? Ich wollte das Zeug ins Meer werfen, doch da hieß es: Entweder alles verzollen, oder alles retour! Aha. Also wer hilft zahlt auch. Der Zollarbeiter will ja auch leben. Später mache ich noch viele und schlimmere Erfahrungen mit diesen Artgenossen.
Doch ich hab mein Zeug da, der äußerst fähige Zollagent hatte auch schnell einen LKW + 2 Handlanger angeheuert. Und so ging es mit Sack und Pack zurück nach Sosua. Auf der Autobahn platzte zu allem Übel dem LKW ein Reifen. Gelassen hielten die Dominikaner an. Bald schon war ein Ersatzreifen gefunden und nach nur einer Stunde ging es weiter. Bei der Montage sah ich mir die LKW-Reifen etwas genauer an. Profilreifen? Ne, die Dinger hatten was von Rennreifen. Wenn überhaupt etwas nicht glatt war an dem Reifen, dann war es das Drahtgeflecht was sich durch die Gummidecke zeigte. Unglaublich! Faszinierend. Am Anfang ist man von allem nur überrascht und angetan. Wie einfach doch Leben sein kann. Mindestprofiltiefe, hahaha, wer braucht den so was? Doch nur die Bürokraten in Deutschland.
Nun waren Möbel da, alte Erinnerungsstücke aus Deutschland. Die Karl-May-Bände, die Dias, Fotoalben, alte Zeugnisse und natürlich alle anderen Dokumente. (Tja, damals habe ich noch geglaubt so was sei hier wichtig und von Nöten!) Nächste Etappe: Haus suchen. War auch bald gefunden. Denn in der deutschen Gemeinschaft fand man viele Kontakte. Heute weiß ich, dass diese Aufmerksamkeiten jedem Neuankömmling zuteil werden. Man will möglichst viel erfahren vom Neuen. Sondieren, ob da was zu holen ist. Denn die Neuen kommen mit Geld, mit Ideen, mit Optimismus und leider auch zuviel Gutgläubigkeit. Mir heute noch ein Rätsel, aber auch ich war davon betroffen:
In Deutschland vertraut man sich doch auch keinen fremden Menschen an. Warum hier? Fühlt man sich fern der Heimat gleich mit jedem Landsmann vertraut? Muss wohl so sein. Und gerade dies scheint auch der Grund, warum viele „zwielichtige“ Europäer hier existieren. Sie finden in jedem ankommenden Flieger neue Opfer. Man schiebt sich die neuen Opfer gegenseitig zu, bis die Kuh keine Milch mehr geben kann.