Kapitel 2: Inkubationszeit. Mit dem DR-Virus in Deutschland leben

2. Inkubationszeit.

Mit dem DR-Virus in Deutschland leben


Der einzigartige Urlaub war schon lange Erinnerung. Und wie immer: Schlechte Dinge speichert das Gehirn nicht im Langzeitgedächtnis. Das miserable Hotel geriet in Vergessenheit, Kakerlaken bekämpfte ich nun in Deutschland. Und ich kämpfte mit den
deutschen Tugenden und Errungenschaften. Mehr und mehr geriet die Ordnung und Gesetzeshörigkeit für mich zu einer Lächerlichkeit. Hinzu stellt man vieles in Frage. In der DR hat man viel gesehen. Einheimische in absolut baufälligen Hütten. Auf dem Esel reitend. Aber immer lächelnd, immer freundlich. Man hatte den Eindruck sie leben ein sorgenfreies Leben.


Was machte ich in Deutschland? Nach harter Arbeit gönnt man sich Entspannung am Schreibtisch mit dem Steuerformular. Hatte ich immer 2 und manchmal 3 Autos, so fragte ich mich plötzlich: wozu? Fahren kannst Du nur mit einem. Bekannte erklärten mich schon immer verrückt mit meinem Auto-Faible. Doch nun fragte ich mich: Wofür arbeitest Du eigentlich? Du ruinierst Dein schönes Leben mit Arbeit. Die Ernte ist: viel Geld. Und dies bringst Du dann dem Finanzamt. Den Versicherungen. Auf einmal sah ich überall nur noch: Beiträge – Gebühren –Steuern – Abgaben. Dafür gehe ich arbeiten? Riskiere viel, trage das Risiko für Mitarbeiter und stehe immer für jeden Mist gerade? Um am Ende kaum Zeit für´s Leben zu haben?


Nein, da ist was falsch in Deinem Leben. Erste Gedanken lassen einen nicht mehr los. Wofür das Alles? Braucht man das? Alle paar Monate ein anderes Auto? Nach jeder Ausstellung ein neuer Fernseher oder eine neue Anlage? Die neueste Kamera? Ist das Leben? Wozu ein großes Haus mieten, wenn Du nur wenige Stunden da verbringst und den Garten nur in der Nacht siehst? Man stellt sein Leben in Frage. Und sinnt nach einer Lösung. Schnell steht fest: es bedarf einer grundlegenden Änderung. Ein Auto reicht. Weniger Arbeit – nicht möglich, die Allgemeinkosten haben sich so hoch geschraubt, man kommt aus dem Teufelskreis nicht mehr raus. Da kommen auf einmal Gedanken an einen „Katastrophen-Urlaub“ wieder hoch. Waren da nicht überall glückliche Menschen? Und Steuern? Verpflichtungen? Davon hat man nichts gehört. Es kommen Erinnerungen hoch an die carretera touristica, endlose Täler und Berge. Grün. Traumstrände. Schnorcheln, umgeben von kleinen bunten Fischen. Und ja, ich gebe es zu: es machte auch Spaß sich zu besaufen und dann nach Hause zu fahren. Alkoholkontrolle? Ach was. Wenn der Bulle da steht, dann gib ihm was, schon ist alles in Butter! Aber: Urlaub ist nicht Leben. Dort leben? Wovon? Du musst Arbeit finden. Denn ohne Geld kein Leben. Mir war klar, es muss kein Porsche mehr sein, kein getunter BMW, aber ein Auto muss man haben. Ein Esel – nein, dass kann man den Tieren nicht zumuten. Und ein kleines Haus wäre auch besser. Mit kleinem Pool. Wenn schon Karibik, dann auch Abkühlung. Schließlich war mir die Hitze nur allzu gut in Erinnerung geblieben. Also: Kleines Haus mit Pool. Kleines Auto. Kein Druck mehr, keine Zwänge. Keine Vorschriften. Ein Leben im Paradies? Hm, der Gedanke nahm Formen an. Ein Jahr lang fantasierte ich. Dann der Entschluß: ab jetzt, flieg rüber. Im Internet findest Du keine Lösung. Da boten sie mir nur immer für viel Geld Lösungen an (am Rande sei erwähnt, ich kannte damals nur ein Schweizer Forum wo Betreiber und User gern Ihre Hilfen anbieten). Flieg rüber, erkundige Dich. Suche Arbeit. Du hast immerhin 3 Berufe gelernt. Mit Abschluss. Da muss was gehen.


Ein Jahr später war ich wieder in Puerto Plata gelandet. Diesmal hatte ich ein Hotel gebucht außerhalb von Cabarete (Seagrape Hotel). Gerade renoviert. Freundliches Personal, deutlich besserer Service, gutes Essen. Nur eben auch 6km hinter dem Örtchen. Aber egal. Ich war hier um nach Arbeit zu suchen. Also brauche ich ein Auto. Nur so ist man flexibel. Diesmal fiel ich auch nicht mehr auf die Einladung der Reiseveranstalter herein, was die Reiseleiterin sehr erzürnte. Sie sah es wohl als Pflichtprogramm für Touristen. Aber ich fühlte mich nicht als solcher. Ich fühlte mich schon in meinem zweiten Urlaub als „erfahrener DR-Reisender“. Heute weiß ich: Speziell hier lernt man nie aus. Der Dominikaner garantiert täglich neue Wendungen und Erlebnisse. Gut, ich ließ mich nicht mehr zu Touren bequatschen, ich hatte auch schon bei der Anreise den 1USD-Schein bereit für den Kofferträger (der allerdings lautstark und gestenreich reklamierte und 5 USD wollte – aber nicht bekam. Einen Tageslohn für 1x Koffer tragen – nicht mit mir!). Doch möge man mir verzeihen, ich will hier nicht im
Detail über meine Qualifikationen reden. Ich stellte nur fest, es ist schwer, verdammt schwer. Arbeit finden, fast unmöglich. Es mangelte bei mir vor allem an einer Sache: ich sprach fließend deutsch, was auch keiner verstand. Mein Englisch ist durchaus gut, aber auch da stieß ich auf wenige die mit mir kommunizieren konnten. So was soll Tourismusgebiet sein? Na ja. Jedenfalls kam ich am Ende des Urlaubes zu folgender Erkenntnis: Arbeit gibt es nicht, Du musst dich selbständig machen. Als Angestellter kannst Du nichts verdienen. Dich nur versklaven. Und Du musst die Sprache erlernen – sonst geht hier nichts.


Investieren heißt also das Zauberwort. Aber wo, wie, in was? Deprimiert flog ich nach Hause. Nur eines war mittlerweile zur Gewissheit geworden. Deutschland? Für mich keine Zukunft. Die Zukunft heißt ganz klar: DOMINIKANISCHE REPUBLIK!

Zurück also in meiner mittlerweile gehassten „organisierten“ Welt begann die Vorbereitung zur Übersiedlung. Du musst hier in D alles verkaufen. Dort neu anfangen. Kontaktadressen hatte ich genügend gesammelt. Zu Bauunternehmern, zu Immobilienberatern. Jeder lobte das Land. Der karibische Traum wurde vorgeführt. Man zeigte mir tolle Wohnanlagen. Perla Marina, Playa Laguna, Lomas Mironas. Costa Azul, sogar El Choco. Villas Karibik und sogar in die Sea-Horse-Ranch wurde ich mal mitgenommen. Immer schöne Fahrten in tollen Autos mit Ledersitzen und Klima. Ausblick in die faszinierende Welt der Karibik. Es gab wohl keine schöne
Gegend die man mir nicht zeigte, und es gab wohl keine Urbanisation, die man mir nicht zeigte. Das Lächerliche daran: ich sagte Jedem der mich herumführte: Ich möchte mich hier niederlassen. Ich suche was zum Wohnen und eine Existenz. Aber ich habe nur 50.000 Euro max. zur Verfügung. Und komisch, keiner hörte hin. Jeder bot mir das Maximum an: Häuser deutlich über 50.000 Euro. Apartments ebenfalls weit über meinen finanziellen Möglichkeiten. Erst nachdem ich eindringlich erläuterte dass mein Limit eher unter 50.000 Euro läge als darüber, fand man das Passende. Kleine Villen für 59.000 USD, ne Saft-Bar für 50.000 USD, ein Funny-Bike Geschäft für 50.000 USD, ein Gemüseladen für 45.000 USD. Immer ans Limit. 50tsd € = 60tsd USD. Zieh dem alles aus der Tasche. Dann ist er schnell pleite und verkauft günstig. Dann können wir die Existenz dem Nächsten anbieten! Meine Zeit rann dahin. Weder was zum Wohnen noch eine Existenz. Beides zusammen gab es nicht für mein Geld. Einzeln auch nicht. Mein Gefühl war sehr sensibilisiert, denn schon damals kamen laufend Berichte über die DR, speziell auch über Betrüger in und um Sosua, man sah es nur auf mein Geld ab. Ich wies immer wieder auf meine beruflichen Qualifikationen hin – doch in der Richtung gab es nichts. Meine Einwände wurden nicht wahrgenommen. Ich sei einfach zu deutsch! Hier ist alles anders. Begreifen Sie das doch bitte! Hier brauchen sie keinen Meisterbrief. Hier brauchen sie keine Zulassung. Hier können Sie Geschäfte machen. Steuern interessieren keinen hier. Ab und an schmieren sie mal den Steuerinspektor. Fertig. So läuft das hier. Dennoch, ich kenne ja schon kaum die Gewächse im heimischen Garten, da soll ich nun hiesige Früchte und Gemüse verkaufen? Ohne zu wissen wie lokale Saisonzeiten und Preise sind? Eine Yucca nicht von einer Batata unterscheiden können? Worauf habe ich mich nur eingelassen? Ich muss doch total meschugge sein. Bleib doch in Deutschland. Da hast Du alles. Doch nein, eben nicht. In mir wuchs das Verlangen nach LEBEN! Das Leben genießen, das Leben auch leben. Und nicht die Arbeit.
Merken Sie was? Kaum in Deutschland bin ich schon wieder bei meinen Erzählungen in der DR. So war es auch. Mein Deutschlandaufenthalt betrug nur 6 Monate. Da musste ich wieder in die DR, auf der Suche nach einem Ziel, einer Möglichkeit. Einem Leben hier.


Ich war verzweifelt. Nur noch wenige Tage bis zum Abflug. Und nichts erreicht. Kein Haus gemietet / gekauft. Keine Existenz gefunden. Nicht mal eine Arbeit hatte ich gefunden. Als ich so in einer Bar saß und jammerte und haderte, da sagte jemand (der mir nichts aufschwatzen wollte und gratis !!! Tipps gab): >Du machst einen Fehler! Du lebst in
Deutschland. Solange Du drüben bist, findest Du hier Nichts! Wir hier kennen Typen wie Dich zur Genüge! Hier seid Ihr Feuer und Flamme und begeistert vom Land. Ihr habt die Schnauze voll von Deutschland. Steuern, Regen usw. gehen Euch auf den Keks. Hier locken Euch Alkohol und Weiber. Sonne und Meer. Das Leben ohne Regeln. Fast täglich höre ich: och wie gerne würde ich hier leben! Deutschland ist doch Scheiße. Doch kaum seid ihr drüben im gehassten Deutschland, da genießt ihr soziale Sicherheit, ordentliche Strassen und den Service den Deutschland bietet. Dann kommt: ach ja DR! Schön da, aber Urlaub reicht.


Wenn Du hier Arbeit willst, dann findest Du sie auch. Aber Du musst zeigen, dass Du es ernst meinst, Du musst hier wohnen. Und ich gebe Dir einen Tipp! Komm rüber mit Geld. Mit ausreichend Geld für 6-12 Monate. Geld um Deinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Diese Monate nutze zur Beobachtung. Dann kennst Du Leute, weißt vor allem mit wem Du besser nicht arbeitest und vor allem: Du kannst feststellen, ob Dir das Leben hier gefällt!! Wenn nicht, nimm Deine Koffer und geh heim, nach Deutschland.<
Diesen Tipp befolgte ich L E I D E R nur teilweise. Ich hatte mir Infos zur DR besorgt. Überall. Nacht für Nacht saß ich am PC und surfte. Ich erbat Info-Material von Botschaft, Tourismusministerium, tolle Broschüren von Maklern erhalten. Und die DR zeigte sich von einer tollen Seite. Der Tourismus stetig steigend, mit hohen %Raten. Jahr für Jahr mehr. Mehr als eine halbe Mio Deutsche pro Jahr. Ca. 30.000 Deutsche die in der DR leben. Gute Zinsen auf Geldanlagen. Sehr niedrige Inflationsrate. Gute wirtschaftliche Situation. Tourismus, Agrikultur. Die DR muss nicht wie andere Inselstaaten viele Produkte importieren, es wächst viel im eigenen Land. Auch genügend Fleisch ist vorhanden. Wenn alle Faktoren ein dickes Plus aufweisen, dann kann man vielleicht meinen Enthusiasmus verstehen.
Zurück nach Deutschland. Kundenstamm übergeben an Mitarbeiter. Container gepackt, leider keine Koffer. Denn für mich stand fest: DR ist Zukunft und Neubeginn.


Schnell noch mal in die DR fliegen, ein Apartment anmieten und dann kommt der Traum zu seiner Erfüllung. Oder aber: DER DR-VIRUS hat gesiegt. Sämtliche Warn-Rezeptoren waren paralysiert und Freunde schüttelten nur den Kopf. „Du bist ein Konsum-Mensch! Ohne Luxus kannst Du nicht leben! Du hast da keine Sicherheit! Hast Du nicht die Berichte im TV gesehen! Selbst hier im Land warnten wohl gesonnene Residenten: wir haben mehr gehen als kommen gesehen! Nur 5% der Newcomer schaffen es!!! Und ich? Ich war 100%ig überzeugt. DU SCHAFFST ES! DU GEHÖRST ZU DEN 5% der SIEGER. Wenn Du es nicht schaffst, wer soll es dann schaffen? Du hast immer Glück, also wage es. Und rückblickend hörte ich mich sagen: ich brauche den ganzen Komfort in Deutschland nicht, es sind alles nur Ersatzbefriedigungen! Statt Luxuskarosse ein Sandstrand! Statt Komfort-Wohnen genieße die Natur. Sonnenschein, Pool, schattige Palmen, Zigarre genießen und ein kleines Gläschen Rum (der mir auch heute noch schmeckt). Nein, ich brauche keine Mikrowelle, keine tollen Teppiche, keinen Schnick und Schnack. Ich will LEBEN!
Der Container war gepackt und ich saß im Flieger. Der Beginn eines Alptraumes. Der sich aber anfangs nicht so zeigte. Der DR-Virus ist gefährlich. Er lässt Dich träumen. Und zahlen. Bis Du finanziell am Ende bist, oder nervlich. Oder beides.

 

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